FLIESSGEWÄSSER-RENATURIERUNG:

Erfahrungen der NABU-Gruppe Hessisch Oldendorf

Bereits kleinere Maßnahmen wirken sich positiv auf das ökologische Potential eines Fließgewässers aus. Die Möglichkeiten, aktiv bei der Revitalisierung eines Baches mitzuwirken, werden nachfolgend veranschaulicht. Es sollen dazu ermutigende Verbesserungsmöglichkeiten der heimischen Gewässer und dessen Umsetzung aufgezeigt werden. Denn durch eine Vielzahl solcher Maßnahmen können erhebliche Verbesserungen der Fließgewässer erreicht werden.

Fließgewässer gehören zu den Lebensräumen, die im besonderen Maße von Umgestaltung und Zerstörung betroffen sind.
Vor diesem Hintergrund hat der NABU Hessisch Oldendorf bereits 1986 damit begonnen, sich aktiv für die Verbesserung des ökogischen Zustandes der Bäche in Hessisch Oldendorf einzusetzen.

Ziel war es, die Fließgewässer und Auen zumindest wieder in die Lage zu versetzen, ihre vielfältigen Funktionen für den Naturhaushalt wahrzunehmen. Zu nennen sind hier die ausgleichende Wirkung auf den Wasserhaushalt, die Grundwasseranreicherung, die Selbstreinigungskraft, die düngende Wirkung bei Hochwasser, die Landschaftsprägung und nicht zuletzt die Schaffung von Lebensräumen für Fauna und Flora.
Bei der Umsetzung dieses Zieles kam dem NABU Hessisch Oldendorf die allgemeine Tendenz zur Flächenstilllegung und die zunehmende Bereitschaft vieler Landwirte, Flächen zu verkaufen oder zu verpachten, entgegen. Denn der Erwerb von bachnahen Flächen ist die wichtigste Voraussetzung für die Renaturierung von Fließgewässern.

Das Stadtgebiet von Hessisch Oldendorf
Das Stadtgebiet von Hessisch Oldendorf
So entstand im Stadtteil Hemeringen der Stadt Hess.Oldendorf ein Konzept zur Biotopvernetzung und Bachrenaturierung am Bespiel des Osterholzer Baches. Auch wenn sich der ursprüngliche Bachverlauf nicht reproduzieren ließ, so gibt der neue Bach doch ein gutes Beispiel für spätere Rückbau- bzw. Renaturierungsmaßnahmen. 
Dieses Pilotprojekt gliederte sich in 3 Einzelmaßnahmen, die bereits Folgeprojekte nach sich gezogen haben. Alle Projekte werden nachfolgend im Einzelnen dargestellt.

Die NABU-Gruppe Hessisch Oldendorf e.V. verfolgt bereits seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts das Ziel anthropogen erheblich veränderter Gewässer in einen natürlichen Zustand zurückzuführen. Noch wenige Jahre vorher wurde die Verrohrung

und Begradigung derartiger Gewässer mit öffentlichen Mitteln finanziell unterstützt. Der Erkenntnisgewinn zeigte jedoch, dass derartige Maßnahmen nicht zukunftsweisend sind. Die Gewässer verarmen ökologisch gesehen, die Artenvielfalt und Selbstreinigungskraft nimmt ab, durch das schnelle Abfließen des Wassers nach Begradigung vieler Gewässer laufen Hochwasser schneller auf und verschärfen zeitweilig in den Unterläufen der Flüsse die Hochwassersituation. Die Probleme naturferner Gewässer sind inzwischen hinlänglich bekannt.
Der NABU Hessisch Oldendorf war die erste Ortsgruppe in Niedersachsen, die seinerzeit Bachrenaturierungen z.B. am Osterholzer Bach in Hemeringen und am Höllenbach in Langenfeld durchführte. Mit den Renaturierungsprojekt Barkser Bach stand jedoch eine besondere Herausforderung für die Mitglieder der NABU-Gruppe an, da eine Plangenehmigung erforderlich war, bei der zudem hydraulische Nachweise in Eigenregie erbracht werden mussten. Auch diese Hürde hat der NABU Hessisch Oldendorf genommen und anderen Behörden und Maßnahmenträgern gezeigt, dass Renaturierungen machbar sind. Die Bachrenaturierungen sollten nach Auffassung des NABU auch als Effekt dienen, dass Behörden selbst die Initiative ergreifen, die ökologische Situation an den Gewässern wieder zu verbessern, was anschließend vor dem Inkrafttreten der EU-WRRL auch geschah.


Fließgewässer-Untersuchung I

1985

(Stille) Wasser sind tief...
...Fließgewässer - Gestern - Heute - Morgen

Vorausgegangen war von 1985 bis 1987 eine Fließgewässer-Untersuchung aller Bäche in Hessisch Oldendorf, die sich immerhin auf 140 Kilometer bezog. Im Einzelnen wurden die Wasserqualität (Gewässergüte), strukturelle Merkmale (Gewässermorphologie) und die historische Entwicklung anhand alter Karten. Die Untersuchung führte der Biologielehrer Bernd Lampe, der als ABM-Kraft beschäftigt war, hauptverantwortlich durch. Beteiligt waren insgesamt vier Teilnehmerinnen des "Freiwilligen Ökologischen Jahres" (FÖJ) sowie Mitglieder der NABU-Gruppe. Die Kosten, einschließlich der Erstellung einer Dokumentation, beliefen sich auf knapp 10.000 DM. Durch Zuschüsse der Kommune und der "Deutschen Umwelthilfe", insgesamt etwa 4.500 DM, wurden die Kosten durch den Verkauf der Broschüre (2.200 DM) im vertretbaren Rahmen gehalten. Die Arbeiten wurden im Rahmen des Wettbewerbs "Europäischer Umweltpreis 1987" ankennend mit einer Urkunde geehrt.

Fließgewässerbroschüre                                    Urkunde

Ökologische Gesamtbewertung

Ziel der Gewässeruntersuchung war es, ein Schutz- bzw. Sanierungskonzept für das Fließgewässersystem in Hessisch Oldendorf zu erstellen und Wege zu seiner Umsetzung aufzuzeigen. Wie notwendig ein solches Konzept ist, haben die Untersuchungsergebnisse deutlich gemacht. Insgesamt hat sich gezeigt, dass der naturnahe Ausbau der Bäche, nur 8% im unbewaldten Gebiet sind naturnah erhalten, ihre Belastung mit Abwässern, 28 Kilometer erfüllen nicht die Mindestanforderung Güteklasse II, und eine naturnahe verträgliche Auennutzung eine Vielzahl von Problemen geschaffen haben, die weit über das eigentliche "Ökosystem Bach" hinausreichen (Grundwasserabsenkungen, Schadstoffbelastung des Grund- und Trinkwassers, Verlagerung der Hochwasserproblematik, Zerstörung des Landschaftsbildes).

1. Schutz- bzw. Sanierungskonzept
2. Praktische Umsetzung -Renaturierungsprojekte

1. Untersuchungsschwerpunkt

WASSERQUALITÄT

 

Aussagen über die

organische
Wasserverschmutzung:

 

>>>191 Messstellen

 

>>>Biologische Gütebestimmung
- Saphrobienindex Meyer 1982
- Saphrobienindex Meyer 1990

 

>>>Chemische Gütebestimmung

als Entscheidungshilfe

 

>>>Bewertung in 7 Güteklassen

 

 

GEWÄSSERGÜTEKARTE

 

 

2. Untersuchungsschwerpunkt

GEWÄSSERSTRUKTUR

 

Aussagen über die Naturnähe bzw. Naturferne der Gewässer:


>>>140 km Fließgewässerstrecke


>>>Erhebung nach dem Landes-
amt für Wasser und Abfall NW (1993)

 

>>>Bewertung in 6 Zustandsstufen
- Verfahren nach Brunken (1986)

 

 

 

 

 

GEWÄSSERSTRUKTURKARTE

 

 

3. Untersuchungsschwerpunkt

HISTORISCH ENTWICKLUNG

Aussagen über alte Bachverläufe und ehemalige Auennutzung als Referenz.

 

>>>Kartengrundlage: Nds. Staatsarchiv 1774 - 1776

 

>>>Kartengrundlage: Kurhannoversche Landesaufnahme 1860

 

>>>Kartengrundlage: Preußische Landesaufnahme 1898

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Gesamtergebnis der Güteklassen

Klasse Kilometer Prozent Untersuchungsstellen 

I

I-II

18

21

13

15

naturnah... 28%
II 57 41 tolerierbar... 41%

II-III

III

III-IV

IV

ausgetrocknet 

16

6

1

5

14

12

4

1

5

10

problematisch... 31%

Gesamt

140

100

191

Strukturbewertung

Sufen Kilometer Prozent  

1

2

0.0

44,3

0,0

31

naturnah... 31%
3 28,8 20,1 tolerierbar... 20%

4

5

6

44,7

14,3

10,9

31,3

10

10,9

roblematisch... 49%

Gesamt     

140 100  

Historische Entwicklung

Ein Vergleich mit älteren Karten (erste brauchbare Kartierung 1774) sollte Aufschluss geben über die historische Entwicklung der Bäche im Raum Hessisch Oldendorf, insbesondere über die Veränderung von Linienführung und Auen-Nutzung. Auch wenn sich die alten Bachverläufe nicht reproduzieren lassen, so geben sie in ihren, den natürlichen Verhältnissen angepaßten Verlauf, doch eine gute Referenz für spätere Rückbau- bzw. Renaturierungsprojekte.

Kurhannoversche Landschaftsaufnahme des 18. Jahrhunderts
Kurhannoversche Landschaftsaufnahme des 18. Jahrhunderts

Nur wenn es gelingt, nicht wie bisher gegen die Systemzusammenhänge der Natur zu planen und zu handeln, sondern mit ihnen, werden wir die Probleme lösen. Grundbedingung hierfür ist eine ganzheitliche, biokybernetische, über Fachressorts hinausblickende Denkweise und damit von der Abkehr von technisch orientierten und damit eindimensionalen Lösungsansätzen, insbesondere im Bereich des Hochwasserschutzes. Ein Umdenken aller an Gewässerbau und -unterhaltung Beteiligten ist die Basis, um ein auch auf der Handlungsebene zu gemeinsamen Anstrengungen im Sinne der Wiederherstellung eines naturnahen und damit intakten Fließgewässersystems zu kommen. Um eine Verbesserung zu kontrollieren, wurde 1994 eine erneute Untersuchung der Bäche in Hessisch Oldendorf durchgeführt.


Osterholzer Bach

1985 bis 1995

Befreiung eines Gefangenen

Im Zuge der Renaturierung des Osterholzer Baches, Gewässer III. Ordnung,
wurden auf einer Länge von ca. 50 Metern die Rohre entfernt, die den Bach einengten. Durch die "Entrohrung" und anschließende Remäandrierung dieses Gewässerabschnittes wurde ein offenes naturnahes Fließgewässer wieder hergestellt. Es wurde aktiv durch Arbeitseinsätze in Arbeitsgruppen und in kooperativer Zusammenarbeit mit Stadt, Behörden und anderen Verbänden diese Verbesserung des Gewässerzustandes maßgeblich gestaltet und damit ein Stück Natur zurück gewonnen. Der Bach wurde in drei Abschnitten renaturiert.

 

 

 

1. Abschnitt (1986):
Es wurden drei Stillgewässer einschließlich der Anpflanzungen angelegt bzw. vorgenommen.

Ein Landschaftsteich auf dem Pachtgrundstück "Twicks Breite" im Ortsteil Hemeringen wurde angelegt. 
Die Entfernung der Verrohrung...
Die Entfernung der Verrohrung...

2. Abschnitt (1987):
Die Verrohrung wurde auf einer Länge von 200 Metern entfernt und ein naturnaher Rückbau auf 220 Meter durchgeführt. An den Ufern wurden Anpflanzungen vorgenommen und an der Grundstücksgrenze eine Hecke gepflanzt.

...nach der Entfernung...
...nach der Entfernung...
..."Spaten-Renaturierung...
..."Spaten-Renaturierung...

3. Abschnitt (1988):
Diesmal wurde eine Strecke von 60 Metern analog des 2. Abschnittes durchgeführt. Außerdem wurde auf dem Grundstück eine Benjes-Hecke angelegt.

...nach Abschluß der Arbeiten.
...nach Abschluß der Arbeiten.
Übersichtskarte der Biotopvernetzung
Übersichtskarte der Biotopvernetzung

Zu beachten ist híerbei, dass zur Wiederherstellung der natürlichen Mäandrierung sowie der Anpflanzungen der standortgerechten Gehölze eine Bereitstellung der angrenzenden Flächen erforderlich ist. Die Umsetzung eines Projektes in Zusammenarbeit mit der Naturschutzbehörde, dem Unterhaltungsverband, der Kommune ggf. sogar als Planungsträger ist von Vorteil, da der Flächenerwerb oft einen höheren finanziellen Aufwand darstellt oder eine Bereitstellung auf Schwierigkeiten stößt. Die Veränderung des Flusslaufes und die Entfernung der Rohre benötigt außerdem eine wasserrechtliche Genehmigung. Eine gravierende Umgestaltung erfordert eine gute Planung und eine intensive Zusammenarbeit mit anderen Verantwortlichen vor Ort, belohnt jedoch durch eine deutliche Entwicklung der Artenvielfalt und ein weithin sichtbares Aufleben der Natur.

Verleihung des "Europäischen Umweltpreises" in Bonn
(Foto: v.l. Jochen Flasbarth (NABU Bundesverband), Julia Probst, Martina Meeske (beide FÖJ), Bernd Lampe (ABM) und Hans Arend (Vorsitzender) alle NABU Hessich Oldendorf.

Höllenbach

1988 bis 1989

Da läßt sich was machen...

Höllenbach vor...
Höllenbach vor...

Der Höllenbach, Gewässer III. Ordnung, fließt in der Ortslage im Stadtteil Langenfeld. Die Renaturierung erfolgte in zwei Anbschnitten. Es wurden auf einer Länge von 60 Metern die Halbschalen entfernt, insgesamt 101 Arbeitsstunden, und auf 80 Metern ein naturnaher Rückbau durchgeführt. An den Ufern wurden bachbegleitende Gehölze angepflanzt. Die Leitung hatte hierbei Hans-Joachim Juhl, dem 2 weitere ABM-Kräfte zur Verfügung standen.

...und nach der Renaturierung.
...und nach der Renaturierung.

Desweiteren standen wieder 4 FÖJ-Teilnehmerinnen und NABU-Mitglieder helfend zur Verfügung. Für die Maßnahme wurden Unterlagen für ein Plangenehmigungs-Verfahren erarbeitet, das von der Stadt Hessisch Oldendorf bei der Genehmigungsbehörde beantragt wurde. Die Untere Wasserbehörde des Landkreises Hameln-Pyrmont hat die Renaturierung dann im Januar 1990 abgenommen. Die Kosten beliefen sich auf etwa 1.500 DM, von denen 600 DM durch Zuschüsse und Spenden wieder eingeworben wurden.


Barkser Bach

Die Renaturierung des Barkser Baches wurde in der Vergangenheit öffentlichwirksam durch Presseartikel begleitet. Auch umweltpädagogische Aktivitäten spielen bei dem Projekt eine große Rolle. So half neben den Schülern des Schillergymnasiums in Hameln auch die Kindergruppe des NABU Hessisch Oldendorf bei der Entfernung der Bongossifaschinen aus dem Bachbett.

Die NABU-Kinder bauten ein großes Insektenhotel am Rande des Kerbtals und führen Exkursionen an dem Bach durch. Ein weiterer Biologie-Leistungskurs des Hamelner Schillergymnasiums pflanzte eine mehrreihige Hecke zum Schutz des Gewässers vor Einträgen aus der Landwirtschaft.

ZEITABFOLGE:
1992-1994

Entfernung von Gewässerbauresten (Bongossi) auf 300 m Länge des Baches. Anpflanzung einer Hecke als Eutrophierungsschutz an der Ostseite des Flurstücks 35 unter Einbindung des Biologie-Leistungskurses der Klasse 12 des Schillergymnasiums in Hameln sowie Anpflanzen von standortgerechten Bäumen (Erlen) am Gewässer.

Barkser Bach I

1990 bis 1993

Natur in Selbstgestaltung

Bei einem 700 Meter langen Gewässerabschnitt des Barkser Baches, ein Gewässer III. Ordnung, wurde die Möglichkeit der eigenständigen Revitalisierung angestrebt und umgesetzt. Hierzu wurden Flächen aufgekauft und gepachtet. Einige wurden dem NABU zur Durchführung der Maßnahme vom Besitzer überlassen. Die Planunterlagen für das Genehmigungsverfahren einschließlich der Vermessungsarbeiten wurden in Eigenleistung erbracht, die auch eine wasserrechtliche Genehmigung durch die zuständige Behörde erhielt. Die Umsetzung der Maßnahme erfolgte durch öffentliche Stellen, da für eine eigenständige Revitalisierung die Voraussetzungen durch einen einmaligen massiven Eingriff geschaffen werden musste. Das heißt, es erfolgte eine Entfernung der künstlichen Verbauung (Sohlschalen, Verrohrung) und die Umwandlung von Sohlstürzen in Sohlgleiten, so dass keine Sperren mehr vorhanden waren und eine Veränderung des Gewässerbettes zur Entwicklung neuer Mäander. Um eine eigenständige Entwicklung der Uferbereiche zu gewährleisten wurde eine bestehende Fichtenkultur entfernt und einige standortgerechte Gehölze als Initialpflanzung angepflanzt. Auch wurde die Renaturierung in mehreren Abschnitten durchgeführt.

1. Abschnitt (1990-1991):
In diesem Zeitraum erfolgte die Planung, der Ankauf von Randstreifen und die
Erarbeitung der Planunterlagen für ein erforderliches Planverfahren. Die Kläranlage in Barksen, die auch in die Maßnahme mit einbezogen werden sollte, wurde 1989 stillgelegt.

 

 

 

2. Abschnitt (1992):
Entfernung der Verrohrung auf einer Länge von 75 Metern und ein naturnaher Rückbau wurde durchgeführt.

Ein ehemals verrohrter Gewässerabschnitt entwickelt eine natürliche Struktur und Vegetation.
 
 
 
3. Abschnitt (1992-1993):
Auf einer Länge von 50 Metern wurden Halbschalen entfernt und es erfolgte ein naturnaher Rückbau auf 200 Meter.
Der Gewässerverlauf ist im Talbereich durch den standortgerechten Gehölzaufwuchs nach Entfernung des Fichtenbestandes wieder vollständig eingegrünt.

Die Umsetzung einer Maßnahme in dieser Größenordnung erfordert ein großes Durchhaltevermögen, insbesondere wenn wasserrechtliche Genehmigungen beantragt werden müssen. Eine enge Zusammenarbeit mit der Kommune, den örtlichen Wasser- und Naturschutzbehörden sowie den Unterhaltungsverbänden ist unbedingt erforderlich. Der Einsatz wird jedoch durch Erfolg belohnt.
Das Besondere an dieser Maßnahme ist die Umsetzung von Verbesserungen an einem sehr langen Gewässerabschnitt sowie die erstaunliche eigenständige Entwicklung, die im Anschluss an die "Befreiung" ohne weitere Entwicklungsmaßnahmen von außen erfolgt.


Fließgewässer-Untersuchung II

1994

Wenn alle (Brünnlein) Bäche fließen...
...Fließgewässer in ihrer ökologischen Bedeutung

Ein naturnaher Bach - eine Wohltat für Augen und Ohren - war früher im Flachland mit Erlenbruch- und Auenwälder eine Selbstverständlichkeit. Erlenwurzeln bildeten eine natürliche Uferbefestigung und den dichten Baumkronen schützten im Sommer vor dem Sonnenlicht. Das im Herbst herabfallende Laub der Erle sorgte für das Überleben auch anspruchsvoller Bachbewohner.

Fließgewässerbroschüre
Fließgewässerbroschüre

Die Untersuchung führte diesmal Dipl.Ing. Michael Güttler (ABM-Kraft) durch. Sie sollte aufzeigen, wie sich durch die in der Zwischenzeit durchgeführten Maßnahmen (Verminderung von Einleitungen duch Anschluss an die Kanalisation, Extensivierung der Landwirtschaft, Rückbau von Gewässern, Anpflanzungen usw.) auf die Gewässergüte bzw. die Gewässerstrukturgüte haben.

Gewässergütekarte (Auszug)                    Strukturbewertungsbogen
Name DBV 1985     WWA 1987*      NABU 1994      
Nährenbach   II-III II / II-III II-III / III
Pötzer Bach II / II-III II / III II
Haarbach II / II-III II II
Hemeringer Bach        II / II-III II / II-III I-II / II
Üsergrundbach II / II-III II II
Hollenbach II I-II / II  
Alberbach II II II
Segelhorster Bach II II-III II
Barkser Bach II / II-III II-III II
Heßlinger Bach II / II-III II / II-III I-II / II
Rohder Bach I-II / II I-II / II I-II / II
Welseder Bach II II / II-III II / II-III
Gewässergüte im Vergleich
(*Wasserwirtschaftsamt Hildesheim)

Seit der Gewässeruntersuchung von 1985 ist bis hierher keine vergleichbare Untersuchung in dieser Größenordnung durchgeführt worden. Lediglich das Wasserwirtschaftsamt Hildesheim führte 1987 erstmalig biologisch-ökologische Untersuchungen an ausgewählten Fließgewässern des Landkreises Hameln-Pyrmont durch. Da die Gütedarstellung aber nach den Saphrobiensystem der Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) erfolgte, ist ein direkter Vergleich mit den Untersuchungen des DBV/NABU nicht möglich. Trotzdem ist die Gegenüberstellung der drei Analysen interessant.

Güte-

klasse

km %

Untersuchungs-

stellen

 

Zustands-

stufen 

km

1985

km

1994

%

1985

%

!994

I

I-II

16

23

13

15

naturnah... 28%  

1

2

0,0

44,3

0,0

38,6

0,0

31,0

naturnah...

27%

II 58 41

tolerierbar...

41%

  3 28,8 32,1 20,1

tolerierbar...

22,7%

II-III

III

II-IV

IV

ausge-

trocknet

13

4

0

1

26

 

9

3

0

1

18

 

problematisch...

31%

 

4

5

6

 

 

 

 

 

44,7

14,3

10,9

 

 

 

 

 

50,2

10,5

10,0

 

 

 

 

 

31,3

10,0

7,6

 

 

 

 

 

problematisch...

50%

Gesamt

141

100

225

  Gesamt 143 141 100  
Gesamtergebnis der Güteklassen     Vergleich der Strukturbewertung

Das Gesamtergebnis hat sich nach ca. 10 Jahren nicht grundlegend verbessert, jedoch wurde die Wasserqualität erheblich gesteigert. Das ist hauptsächlich auf den Anschluß vieler Ortschaften an die zentrale Schmutzwasserentsorgung zurückzuführen. Auch in der Zukunft wird die Stadt Hessisch Oldendorf durch weitere Anschlüsse viel dazu beitragen, um die Gewässergüte der noch vorhandenen Güteklassen II-III, III und IV zu verringern und letztlich vielleicht ganz zu beseitigen.
Zum Zeitpunkt der Untersuchung lagen 69% der Fließgewässer in den Güteklassen I, I-II und II, während nur noch 13% eine schlechtere Wasserqualität aufweisen. Allerdings waren 18% der Bäche ausgetrocknet, was als negatives Zeichen gewertet werden muss. Das ist gerade so bedenklich, da es sich hier hauptsächlich um meist noch ökologisch intakte Oberläufe handelt.
Schwerpunkt der Sanierungsmaßnahmen muss auch künftig die Verbesserung
der Wasserqualität sein. Über die Abwasserreinigung hinaus muss der Fließgewässerschutz jedoch verstärkt auf die Entwicklung naturraumtypischer Fließgewässer ausgerichtet werden, wobei die Quellbereiche, die restlichen Feuchtwaldgebiete und die naturnahen Gewässerstrecken erhalten und bewahrt werden müssen.


Rohder Bach

2000

Wasserlauf ohne Schranken

Es wurde die Möglichkeit der Erhöhung der Durchgängigkeit am Rohder Bach, ein Gewässer II. Ordnung, gesehen. Dies wurde den zuständigen Behörden und Verbänden vor Ort dargestellt. Aufgrund der guten Kooperation mit dem Unterhaltungsverband, der Wasserbehörde, der Naturschutzbehörde sowie der Flussgebietskooperation zur Umsetzung der EU-WRRL (Europäische Wasserrahmenrichtlinie) konnte die Entfernung von mehreren Querbauwerken am Rohder Bach erreicht werden. Die Festlegung und Finanzierung der Maßnahme erfolgte durch die Flussgebietskooperation. Die Umsetzung und Übernahme der Restkosten wurden durch den Unterhaltungsverband getragen.

Bei der Maßnahme hat der NABU Hessisch Oldendorf durch Dietmar Meier bei der Erstellung der Planunterlagen mitgewirkt.

FOTO: Vorher - drei Sohlstürze mit jeweils 40 cm Höhe versperren die freie Durchgängigkeit.

Durch die Maßnahme wurde eine Durchgängigkeit für das gesamte Gewässer erreicht. Eine Überwindung der 40 Zentimeter hohen Sohlabstürze durch wandernde Fische und Kleinlebewesen im Wasser war bislang kaum möglich. Dieser Austausch ist durch die vorhandenen Sohlgleiten in diesem Gewässerabschnitt im vollen Umfang gewährleistet. Eine Überprüfung vorhandener Querbauwerke an Fließgewässern auf ihre Notwendigkeit zeigt häufig, dass diese künstlichen Sperren heute nicht mehr benötigt werden. Die gemeinsame Suche nach Lösungen und aktive Begleitung der Maßnahme ist ein Gewinn für die Natur. Weitere Maßnahmen sind geplant.

FOTO: Nachher - die vorhandene Sohlgleite ermöglicht das freie Passieren und gegen die Strömung. Die fehlende Vegetation stellt sich nach kurzer wieder ein.


Barkser Bach II

ab 1994

Weitere Renaturierungsabfolge

Kooperationspartner: Stadt Hessisch Oldendorf als Eigentümer
und zuständige Behörde für das Gewässer III. Ordnung.

Die NABU-Gruppe Hessisch Oldendorf e.V. verfolgt bereits seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts das Ziel anthropogen erheblich veränderter Gewässer in einen natürlichen Zustand zurückzuführen. Noch wenige Jahre vorher wurde die Verrohrung

und Begradigung derartiger Gewässer mit öffentlichen Mitteln finanziell unterstützt. Der Erkenntnisgewinn zeigte jedoch, dass derartige Maßnahmen nicht zukunftsweisend sind. Die Gewässer verarmen ökologisch gesehen, die Artenvielfalt und Selbstreinigungskraft nimmt ab, durch das schnelle Abfließen des Wassers nach Begradigung vieler Gewässer laufen Hochwasser schneller auf und verschärfen zeitweilig in den Unterläufen der Flüsse die Hochwassersituation. Die Probleme naturferner Gewässer sind inzwischen hinlänglich bekannt.
Der NABU Hessisch Oldendorf war die erste Ortsgruppe in Niedersachsen, die seinerzeit Bachrenaturierungen z.B. am Osterholzer Bach in Hemeringen und am Höllenbach in Langenfeld durchführte. Mit den Renaturierungsprojekt Barkser Bach stand jedoch eine besondere Herausforderung für die Mitglieder der NABU-Gruppe an, da eine Plangenehmigung erforderlich war, bei der zudem hydraulische Nachweise in Eigenregie erbracht werden mussten. Auch diese Hürde hat der NABU Hessisch Oldendorf genommen und anderen Behörden und Maßnahmenträgern gezeigt, dass Renaturierungen machbar sind. Die Bachrenaturierungen sollten nach Auffassung des NABU auch als Effekt dienen, dass Behörden selbst die Initiative ergreifen, die ökologische Situation an den Gewässern wieder zu verbessern, was anschließend vor dem Inkrafttreten der EU-WRRL auch geschah.
Die Renaturierung des Barkser Baches wurde in der Vergangenheit öffentlichwirksam durch Presseartikel begleitet. Auch umweltpädagogische Aktivitäten spielen bei dem Projekt eine große Rolle. So half neben den Schülern des Schillergymnasiums in Hameln auch die Kindergruppe des NABU Hessisch Oldendorf bei der Entfernung der Bongossifaschinen aus dem Bachbett.

Die NABU-Kinder bauten ein großes Insektenhotel am Rande des Kerbtals und führen Exkursionen an dem Bach durch. Ein weiterer Biologie-Leistungskurs des Hamelner Schillergymnasiums pflanzte eine mehrreihige Hecke zum Schutz des Gewässers vor Einträgen aus der Landwirtschaft.

Beginn der Durchführung: Datum der Plangenehmigung 17.11.1992
Geplantes Ende: 2011
Lage: Mittellauf des Fließgewässers zwischen Barksen und Hessisch Oldendorf auf einer Länge von 745 Metern.
WRRL-Bearbeitungsgebiet: Nr. 10 Weser/Emmer
Kosten der Maßnahme: ca. 70.000 Euro. Hinzu kommt noch die Eigenleistung der Mitglieder des NABU Hessisch Oldendorf in Form von unzähliger Arbeitseinsätze.

ZEITABFOLGE:
1995-1997
Umwandlung eines nicht standortgerechten Waldbestandes (Fichtenmonokultur) auf den Flurstücken 32, 33 und 83/84 mit anschließender Initialanpflanzung standortgerechter Gehölze sowie Entfernung von 51 Sohlschalen zwischen den Stationen 235,00 und 292,00.
1997-1999
Umwandlung eines nicht standortgerechten Waldbestandes (Fichtenmonokultur) auf dem Flurstück 34/1 (nördlicher Teil) im Bereich der Stationen 406,00 – 451,00. Entnahme der Reste zerschlagener Betonrohre mit anschließender Initialpflanzung standortgerechter Gehölze.
2000-2002
Umwandlung eines nicht standortgerechten Waldbestandes (Fichtenmonokultur) auf dem Flurstück 34/1 (mittlerer Teil) im Bereich der Stationen 451,00 – 500,00 mit anschließender Initialpflanzung standortgerechter Gehölze.
2003-2004
Umwandlung eines nicht standortgerechten Waldbestandes (Fichtenmonokultur) auf dem Flurstück 30 (südlicher Teil) im Bereich der Stationen 500,00 – 535,00 mit anschließender Bepflanzung standortgerechter Gehölze sowie Entnahme der Verrohrung und Umwandlung eines Sohlsturzes in eine Sohlrampe.
2005-2006
Entfernung von ca. 150 Fichten am Gewässer, Anlegen eines neuen Bachbettes auf dem Gelände einer ehemaligen Kläranlage im Bereich der Stationen 178,00 – 235,00, da der Bach auf einem ca. 3 m breitem Grundstück komplett verrohrt ist und eine Renaturierung auf dieser schmalen Flurparzelle nicht möglich ist. Freilegen des Fließgewässers und Anlegen einer Sohlrampe neben dem verrohrten Bachlauf im Bereich der Stationen 96,00 – 112,00. Anpflanzung standortgerechter Ufergehölze.
2007-2011 (in Umsetzung)
Waldumwandlung einer Fichtenmonokultur. Herstellung eines neuen Bachlaufes im Bereich der Stationen 112,00 – 178,00, da der Bach auf einem ca. 3 m breiten Flurstück komplett verrohrt ist und eine Renaturierung auf dieser schmalen Flurparzelle nicht möglich ist. Freilegen des Fließgewässers und Anlegen einer Sohlrampe neben dem verrohrten Bachlauf im Bereich der Stationen 96,00 – 112,00. Anpflanzung standortgerechter Gehölze.

Bildergalerie

Beginn des Renaturierungsabschnittes Barkser Bach bei Station 0,00, Blickrichtung nach Süden (Bild 1) Renaturierungsabschnitt Barkser Bach bei Station 30,00. Blickrichtung nach Süden. Die Fläche des linkseitigen Ufers wurde vom NABU gepachtet. An den Bach wurden Weiden und Erlen gepflanzt. Ferner wurden an dem linken Hang Obstbäume angepflanzt (Bild 2) Renaturierungsabschnitt Barkser Bach bei Station 50,00. Blickrichtung nach Norden (Pachtfläche des NABU) rechts (Bild 3)

Erste Anpflanzungen am Hang der Waldumwandlungsfläche. Anpflanzung von Wildrosen am Übergang zu der landwirtschaftlichen Fläche ganz rechts. An dem oberen Hang wurden Wildkirschen, Wildäpfel und Wildbirnen angepflanzt. Im Herbst werden in der Mitte Stiel-eichen, Eschen und Ahorne folgen. Unten am Bach werden vorwiegend Erlen angepflanzt (Bild 1) Angelieferte Wasserbausteine für die Sohlrampe und zur Sicherung des Bachbettes gegen Erosion gemäß wasserbehördlichen Vorgaben der Plangenehmigung (Bild 2) In dieser Wiese läuft der verrohrte Bach. Die Freilegung wird in Kürze erfolgen (Bild 3)

Der Bach wird an einen bereits 2004 entrohrten Teil des Baches angeschlossen. Das Bachbett wurde aufgrund der Flächenverfügbarkeit auf das Gelände einer ehemaligen Kläranlage verlegt. Das Grundstück wurde dem NABU von der Stadt Hessisch Oldendorf überlassen (Bild 1) Nach dem Entfernen der Fichtenmonokultur und dem Freilegen des Bachbettes wachsen standortgerechte Gehölze auf der Fläche (Bild 2) Aufgrund des Höhenunterschiedes wurde auch hier eine Sohlrampe eingebaut. Der ursprüngliche Bachlauf befand sich verrohrt auf dem Grünland links (Bild 3)

In diesem Bereich wurde der Bach von über 70 Sohlschalen befreit. Das rechte Grund-stück konnte bislang noch nicht erworben werden. Der Wald links ist eine Aufforstung mit standortgerechten Gehölzen (Initialanpflanzung) nach dem Entfernen einer Fichten-monokultur. Es stellte sich eine Pioniervegetation aus Birken und Holunder ein

(Bild 1)

In diesem Bereich standen einmal viele Fichten direkt am Bach. Sie wurden von Erlen abgelöst (Bild 2) Obwohl die Fichten schon seit einigen Jahren entfernt wurden ist die Brennnessel noch immer ein Indikator des durch die Fichte versauerten Bodens (Bild 3)

Nach Entfernung der Fichten haben alte Bäume wie diese Baumweide Platz sich zu entfalten (Bild 1) Das Bachtal wird gegen Einträge aus der Landwirtschaft durch Hecken geschützt. Die Anpflanzungen übernahm ein Biologieleistungskurs des Schillergymnasiums aus Hameln (Bild 2) Diese Eiche kommt nach dem Entfernen der Fichten an der Oberkante des Bachtals besser zur Geltung (Bild  3)

Renaturierter Bachabschnitt nach dem Entfernen der Rohre und der Fichten (Bild 1 und 2)

Erlen wurden in der Talsohle gepflanzt und haben inzwischen eine mächtige Höhe erreicht (Bild 3)

Blick in das Bachtal von Süden. Die Grundstücke beidseitig des Baches befinden sich im Eigentum des NABU. Auf der Westseite befindet sich Dauergrünland welches beweidet wird (Bild 1 und 2) Das Grundstück auf der Ostseite hingegen bleibt sich selbst überlassen. Pflegemaßnahmen finden hier nicht statt (Bild 3)

Die NABU-Kindergruppe baute an dieser Stelle ein Insektenhotel (Bild 1) Die Dorfgemeinschaft stellte eine Bank auf von der man in das Bachtal blicken kann (Bild 2) Der NABU pflanzte auf der Weide einige Obstbäume (Bild 3)


Schlussbetrachtung

Kleine Verbesserungen mit großer Wirkung

Im Zuge von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für Eingriffe durch Bebauung oder andere Planungen wurden durch den NABU Hessisch Oldendorf immer wieder Anpflanzungen an Gewässern, Verbreiterungen und Verbesserungen von Gewässerrandstreifen vorgenommen oder initiiert. Es zeigt sich: Eine Verminderung von Stoffeinträgen und eine Verbesserung der Struktur kann auch duch kleine Maßnahmen erreicht werden.

 

Bei erfolgter Durchführung kommt dann vielleicht auch Lust auf mehr...

Beitrag erstellt: Hans Arend (2011)